Heimat & Tradition

Donau-Rieser Geschichtsstunde: Nördlinger Stadtarchiv

Leiter des Nördlinger Stadtarchivs Dr. Johannes Moosdiele-Hitzler. Bild: Diana Hahn
Seit Oktober 2022 ist Dr. Johannes Moosdiele-Hitzler der Leiter des Nördlinger Stadtarchivs. Gebürtig stammt der 39-Jährige aus Bächingen an der Brenz und wohnt heute in Faimingen.

Nach seinem Abitur am Lauinger Albertus-Gymnasium studierte er in Augsburg Lehramt mit der Fächerkombination Geschichte, Germanistik und evangelische Religionslehre. Seiner Leidenschaft folgend, vertiefte er sein Geschichtsstudium und schrieb darin auch seine Magisterarbeit. 2010 folgte das erste Staatsexamen. Nach diesem folgt eine glückliche Fügung: Er bekam einen Platz an der bayerischen Archivschule. 2012 dann das zweite Staatsexamen. Seine nächste Station ist das Bayerische Hauptstaatsarchiv, von 2013 bis 2021, und das Staatsarchiv München, ehe er im Mai 2022 nach Nördlingen wechselt und im Oktober Dr. Wilfried Sponsel als Leiter ablöst.

Viel Arbeit liegt vor dem Stadtarchivleiter, vor allem in Sachen Strukturierung, Verzeichnung, Bestandserhaltung und Digitalisierung. Und auch ein Umzug in andere Räumlichkeiten steht im Raum, eine Mammutaufgabe, denn rund 4,4 Regalkilometer werden benötigt, damit alle Dokumente liegend gelagert werden können. „Nach dem Stadtarchiv in Augsburg sind wir damit das zweitgrößte Kommunalarchiv in Schwaben“, erklärt der Stadtarchivar stolz. Für uns hat er einige besondere Schätze herausgesucht.

Ältestes Amtsbuch im Nördlinger Stadtarchiv

Das älteste Amtsbuch. Bild: Diana Hahn

Das älteste Amtsbuch im Nördlinger Stadtarchiv ist ein Band aus der Zeit um 1290. Dabei handelt es sich um ein Rechtsbuch. Eine Art Grundgesetz für die Stadt Nördlingen, das auch deshalb besonders wichtig war, weil während der Mess’ viele Fremde in Nördlingen zu Gast waren, für die dieses Gesetz ebenfalls galt. „So etwas gab es nur in Reichsstädten. Besonders daran ist außerdem, dass es auf Deutsch ist und nicht auf Latein“, weiß der Stadtarchivar.

Melanchthon-Brief aus dem Jahr 1546

Von 1546 stammt der Brief von Philipp Melanchthon an den Nördlinger Rat, der im Stadtarchiv verwahrt wird. Melanchthon war neben Martin Luther einer der bedeutendsten Reformatoren. Im Brief, den Melanchthon persönlich unterzeichnete, geht es um die Ordination eines Nördlinger Theologiestudenten als Pfarrer von Nähermemmingen. Für Nördlingen handelt es sich um ein „mittelaltes“ Dokument.

Zwei erstaunliche Entdeckungen

Die 100 Jahre alte Filmrolle. Bild: Diana Hahn

Bereits zwei erstaunliche Neuentdeckungen kann Stadtarchivar Dr. Johannes Moosdiele-Hitzler verbuchen. „Beide Entdeckungen waren bereits im Stadtarchiv, aber niemand wusste, dass sie da sind“, so der Archivar. Bei einer der Entdeckungen handelt es sich um ein „Feuerbuch“ aus dem Dreißigjährigen Krieg. Es stammt aus dem Jahr 1644 und beinhaltet colorierte Zeichnungen von Waffen. Unscheinbar und unnummeriert stand es zwischen Büchern in der Ratsbibliothek.

Der andere Fund kann fast schon als Sensation bezeichnet werden. Zwar ist der Fund „nur“ rund 100 Jahre alt, aber sehr bemerkenswert: „Es handelt sich um eine Filmrolle. Darauf zu sehen sind Filmaufnahmen aus dem Jahr 1925 über die Knabenkapelle und den Verein Alt Nördlingen, die dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiern. In der Verpackung sollte eigentlich laut Beschriftung der Spielfilm „Der schwarze Meister“ gelagert sein. Mich hat es verwundert, dass man einen gewöhnlichen Spielfilm aufgehoben hat. Deshalb habe ich genauer hingeschaut“, erklärt Moosdiele-Hitzler und fügt hinzu: „Das lässt das Archivarsherz höherschlagen“. Bei der Filmrolle handelt es sich um einen sogenannten Nitrofilm, der extra in München digitalisiert wurde. „Es ist erstaunlich, dass es diesen Film noch gibt. Denn Nitrofilme können sich auch schnell selbstentzünden“, erklärt der Stadtarchivar.

"Hexenakten"

Am meisten nachgefragt im Nördlinger Stadtarchiv sind die „Hexenakten“. Circa 40 Prozessakten zu den Nördlinger Hexenprozessen gibt es im Stadtarchiv. In diesem Zusammenhang ist vielen der Name Maria Holl ein Begriff, die 62 Folterungen überlebte und nicht gestand. Aber auch Rebekka Lemp wurde 1590, in Abwesenheit ihres Mannes, des städtischen Zahlmeisters Peter Lemp, beschuldigt, eine Hexe zu sein. Sie lebte in dem Haus, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist. Von ihr gibt es im
Stadtarchiv handschriftliche Briefe, die sie aus dem Gefängnis an ihren Mann schrieb.

Zeichnungen des Nördlinger Grafikers Johann Michael Voltz

Nicht nur Dokumente, Bücher und Urkunden – davon übrigens 15 000 an der Zahl – sind im Stadtarchiv zu finden, sondern auch verschiedene Zeichnungen. Darunter eine mit dem Titel „Die Zerstörung Trojas“ vom Nördlinger Grafiker Johann Michael Voltz. Zu diesem hat Dr. Johannes Moosdiele-Hitzler selbstverständlich auch Interessantes zu berichten: „Die Zeichnung ist Nördlingens Beitrag zur Entdeckung Trojas.“ Die Zeichnung erschien nämlich in Georg Ludwig Jerrers Buch „Weltgeschichte für Kinder“. Genau aus diesem Buch wurde dem späteren Troja-Entdecker Heinrich Schliemann von seinem Vater vorgelesen. Das Bild, das den aus Troja fliehenden Aeneas samt seinem Vater Anchises zeigt, den er auf dem Rücken trägt, soll ihn davon überzeugt haben, dass Troja nicht für immer verschwunden, sondern lediglich unter Schutt und Asche begraben liegt. Von Voltz besitzt das Nördlinger Stadtarchiv den Nachlass. Darunter unter anderem seine bekannten Napoleon-Karikaturen. Insgesamt über 1 000 Werke. „Voltz war der bedeutendste Grafiker seiner Zeit, im frühen 19. Jahrhundert“, so der Stadtarchivar.

Zeichnungen des Nördlingers Johannes Müller

Wie es um 1800 in Nördlingen aussah oder man sich kleidete, zeigen im Stadtarchiv Zeichnungen des talentierten Nördlinger Zeichners Johannes Müller. „Er war die Vorstufe eines Fotografen. Hätte man damals schon fotografieren können, hätte Müller das bestimmt getan. So hat er es eben gezeichnet“, erklärt Dr. Johannes Moosdiele-Hitzler.

Ein von Voltz Zeichnungen. Bild: Diana Hahn

Die Baugenehmigung der Nördlinger Stadtmauer

Die Baugenehmigung. Bild: Diana Hahn

Aus dem Jahr 1327 stammt die Urkunde, die Nördlingen das Stadtmauerprivileg bringt. Vor fast 700 Jahren erteilte Ludwig IV., bekannt als Ludwig der Bayer, der Stadt Nördlingen mit dieser Urkunde die Erlaubnis, eine Stadtmauer zu bauen. Die bestehende Stadtbefestigung wurde unter Einbeziehung der Vorstädte erweitert. Zur Finanzierung sollte die Stadt eine Getränkesteuer, das sogenannte Umgeld, erheben. Die Bürger der Stadt wurden zu Grabungsdiensten verpflichtet. Um 1400 war der Mauerring geschlossen.

Kriminalakten - Zeugnisse wahrer Begebenheiten

Auch viele Kriminalakten sind im Stadtarchiv zu finden. Unter anderem auch eine aus dem Jahr 1731. Dabei geht es um den Suizidversuch von Anna Barbara Grimmberger. Erhalten sind nicht nur die zum Fall gehörenden Akten, sondern sogar das verwendete Messer.

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