Portait

Die Kunst der Irritation

Wolf J. Gruber in seinem Atelier Bild: Wolf J. Gruber
Wolf J. Gruber lebt und arbeitet als freier Künstler und Illustrator in Oettingen. Er beschäftigt sich mit unterschiedlichen Techniken, Formaten und Gegensätzen – zwischen Traumwelt und Wirklichkeit.
Wolf J. Gruber in der Druckwerkstatt. Bild: Wolf J. Gruber

In einem leerstehenden Ladengeschäft in Oettingen stellte Wolf Jacob Gruber während der Oettinger Kreativtage kürzlich seine Werke aus. Betrachtet man dort die „OPUS“-Reihe, möchte man die Motive einordnen und weiterdenken. Wird hier eine reelle Situation abgebildet? Was hat es mit diesem Bild auf sich? Stimmt hier etwas nicht oder ist es eben genau so richtig? „Ich sorge für viel Verwirrung“, sagt der junge Künstler selbst von seinen Werken. Er mache Kunst, bei der sich der oder die Betrachter*in die Geschichte selbst zu Ende denken soll. Die Linolschnitte zeigen absurde Sequenzen: Mal eine Szene mit nackten Personen, die sich waschen, dahinter eine Hochhaussiedlung – doch als erstes sticht der Umriss einer Kuh ins Auge – schwebend, transparent, unwirklich und wie aus einer anderen Dimension. Ein anderes Bild zeigt nackte Körperteile, ineinander verwoben, vollständig und doch unvollständig – die Köpfe fehlen. „Nackte Leute provozieren“, sagt Gruber. Dieses Element taucht häufig in seinen Werken auf.

Verwirrend ist auch die Szene, die OPUS X wiedergibt. Wolf J. Gruber zeigt einen Kriegsschauplatz, davor eine flehende Frau, vielleicht eine Mutter, die gerade Mann und Kinder verloren hat. Im Vordergrund ein kleiner Junge. Mit breitem, schelmischem Grinsen sitzt das Kind auf einem Fahrrad. Erst nach Fertigstellung dieses Linolschnitts hat sich Wolf J. Gruber dazu entschlossen, über die Szene in großen Lettern „Pommes mit Ketchup“ zu schreiben. Warum? „Pommes und Ketchup mag doch eigentlich jeder, oder? So gefällt mir das Bild einfach besser“, sagt Gruber. Er liebt es mit krassen Gegensätzen zu arbeiten und zu provozieren. Dafür verwendet er oft alltägliche Situationen, die er in ein unwirkliches Umfeld übersetzt.

In aufwändiger Kleinstarbeit

Aus Bildbänden, die er oft im Antiquariat findet, setzt er seine Motive erst am Computer zusammen und überträgt sie dann auf Linoleum. Um seine Arbeitsfortschritte besser zu kontrollieren, versieht er das Linoleum mit roter Farbe und erarbeitet seine Motive dann in mühevoller, detailreicher Schneidetechnik. An seinen OPUS-Werken hat er fast täglich mehrere Wochen gearbeitet.

Seine aufwändigen Linolschnitte druckt er dann in der Rehlenschen Handpresse in der Werkstatt von Oskar Bernhard in Nördlingen auf einer Mailänder/Esslingen Andruckpresse mit einem halbautomatischen Fahrwerk.

Kreativer Kopf mit Ambition

Die OPUS-Reihe ist seit Ende 2021 entstanden, zuvor hat sich Gruber bereits mit der Linolschnitttechnik und Druckgrafiken beschäftigt. Nach seinem Kommunikationsdesign-Studium an der Hochschule Augsburg hätte er in einer renommierten Werbeagentur arbeiten können – doch er möchte lieber von seiner Kunst und als freier Illustrator leben. 2015 hat er zum Beispiel das Kinderbuch „Die kleine Prinzessin, die keine sein wollte“ illustriert – die Geschichte stammte von seinem Bruder Moritz Gruber und Ludwig Ochs. Mit „Ein Haus auf Rädern“, ist sogar schon ein zweites Kinderbuch von Wolf J. Gruber erschienen. Außerdem illustriert er für den Deutschen Taschenbuchverlag und andere. Bereits in der 3. Klasse hat der nun 32-Jährige gerne gemalt und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für Kunst und Kreativität. So führte ihn sein schulischer Weg an eine Fachoberschule mit dem Schwerpunkt Gestaltung und Kunst – sein Studium in diesem Fachbereich schloss sich an.

Wolf J. Gruber ist Träger des Jugend-Kunstförderpreises der Stadt Senden und des Krumbracher Kunstpreises. 2023 wurde er für sein Werk OPUS XII, Carl & Gt“ im Rahmen der Großen Nordschwäbischen Kunstausstellung mit dem Kunstpreis der Stadt Donauwörth ausgezeichnet. Seine Werke waren bereits unter anderem bei der Ost allgäuer Kunstausstellung, der Großen Schwäbischen Kunstausstellung in Augsburg und bei der Grafikausstellung in Senden ausgestellt. 2022 wurde Gruber mit dem Neustart-Kultur-Stipendium für freischaffende bildende Künstler*innen gefördert und 2021 erhielt er das Stipendium „Junge Kunst und neue Wege“ Bayern Innovativ.

Unter den ganz Großen

"Sieben" in Arbeit Bild: Wolf J. Gruber

Seine Arbeit „Sieben“, ein großer Holzschnitt auf mehreren Platten, zeigt das Abbild einer Kuh, welche jedoch sieben anstatt einem Euter hat. „Sieben“ wird noch bis zum 23. Juli im Rahmen der Ausstellung „Fantastische Tierwelten“ im Kunst Museum Heidenheim ausgestellt. Hier werden keine Illustrationen von existierenden Wesen gezeigt, sondern animalische Gottheiten, Neuschöpfungen von Tieren und Tieren in untypischen und ungewöhnlichen Situationen. Wolf J. Gruber darf sich bei dieser Ausstellung unter anderem in die Werke von Kunstgrößen wie Joseph Beuys, Marc Chagall, Joan Miró und Pablo Picasso reihen.

Neuerdings widmet sich der Künstler wieder verstärkt der Malerei mit Gouache-Farben. Zuletzt ist eine Szene am Esstisch entstanden, die Gruber mit mehreren Schablonen und Farben erschaffen hat. Zu sehen ist ein gedeckter Tisch, auf einem Teller liegt eine Scheibe Wurst, daneben zwei Bananen und eine Flasche Wasser. Gierig streckt ein Mann seine überdimensionale Zunge danach aus. Der Künstler möchte damit auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen. „Bitte?“ „Nein!“ betitelt er sein neustes Werk – und irritiert damit erneut.